So habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, überhaupt nicht mehr ans Telefon zu gehen. Nur manchmal läßt es sich eben nicht ganz vermeiden. Dann sage ich mein Sprüchlein auf. Ich habe mir früher noch die Mühe gemacht, irgend etwas Sinnvolles von mir zu geben. Mit hochrotem Kopf und rasendem Puls habe ich oftmals den Hörer auf die Gabel geknallt, daß dabei so manches Gerät und mitunter auch meine Gesamtkonstitution in Mitleidenschaft gezogen worden ist.
Jetzt habe ich die Antworten alle auf Band. Kommt wieder der Herr Schlauch mit seinen Millionengewinnen, spiele ich mein Band als Antwort ab. Ich mache mir keine Mühe mehr, ob die Antwort in einem Zusammenhang mit dem Begehren des Anrufers steht, sondern spiele irgendeine zufällige Stelle ab. Einmal ließ ich das Band fragen: „Haben Sie Telefonsex im Angebot?“ Schlagartiges Ende des Gesprächs. Beim zweiten Anruf („Kennen Sie die neuen Strompreise?“) antwortete mein Band mit dem Hinweis auf die Strafbarkeit des unverlangten Anrufs. Gegenseite legte auf. Das macht so viel Spaß, daß ich fast nicht erwarten kann, einen Anruf der Telefonwerber zu erhalten. Ganze Tage lauere ich am Telefon, vertrödele die Zeit, nur um einen unerwünschten Anruf entgegennehmen zu können und mein mörderisches Anrufbeantwortergerät zum Einsatz zu bringen.
Heute allerdings war der Anruftext neu: „Was vermissen Sie, Herr N.N., am meisten? Nennen Sie Ihre persönlichen Top Ten.“ Und bevor ich meinen Antwortautomaten antworten ließ, hatte mich diese Frage in den Zustand philosophischer Nachdenklichkeit versetzt, daß ich Bandgerät und Hörer sinken ließ und mich erst einmal setze, um mich zu sammeln. Ich wollte gerade die Fragestellung am Hörer berichtigen: „Es muß aber heißen: Wen oder was vermissen Sie?“, da merkte ich, daß die Gegenseite die Verbindung zerrissen hatte.
So sitze ich hier und sinne über die Liste nach. Ganz oben, das muß ich wirklich unverhohlen sagen, ganz oben als Nr. 1 steht: der unverlangte Anruf.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen