Fragen
"Intensiv“ sagt der Mann mir gegenüber, mit dem ich bisher vielleicht 3 Minuten gesprochen habe.
“Was?“ frage ich.
„Intensiv“ wiederholt er.
„Was??“ frage ich.
„Intensiv. Das ist das erste Attribut, das ich dir zuordnen würde“.
„Was???“ frage ich geistesgegenwertig.
„Ich glaube nicht, dass man mit dir ein oberflächliches Gespräch führen kann“.
„Ich wurde mal zur Königin des Smalltalks gewählt."
“ Willst du Smalltalk führen?“
„Ja“
„Was?“
„Nein!“
„Cool, darf ich dich dann fragen w…“
„Nein!“
Du darfst nicht fragen. Du darfst nicht, weil ich mich nicht durch Antworten definieren möchte. Weil du nur die Antwort auf deine Frage hören willst und nichts, was darüber hinaus geht. Du darfst nicht, weil du die Frage nur stellst, weil du selbst darauf antworten und mir dein ganzes oberflächliches Gekotze auf einem schönen gedeckten Tisch servieren möchtest und ich muss es dann essen und der ganze Mief steigt in mein Hirn und macht meinen Kopf schwer, aber Hauptsache DU hast dich erleichtert. Du darfst nicht. Du darfst nicht, weil du alleine mit dem „Darf ich?“ ein Interesse an meiner Aussage vortäuschst, aber dann nicht einmal auf eine Antwort wartest. Du darfst nicht, weil ich dir zwar erklären könnte, dass ich mich momentan fühle wie Alice im Wunderland, gefallen in eine große weite Welt voller wundervoller Gefahren und dass ich diese Welt liebe, weil sie mir sagt, was Leben ist, wie sich Glück und Trauer und all die anderen Gefühle anfühlen, die ich mir selbst so lange verwehrt habe und all das könnte ich dir erzählen, wenn du mich fragst, wie es mir geht, aber du würdest es ja doch nicht verstehen. Vielleicht würdest du mir noch nicht einmal zuhören, mich an der wichtigsten Stelle unterbrechen, weil du ja eigentlich nur ein „Gut“ hören wolltest. Du darfst nicht, weil dir auf die Antwort, warum ich schreibe, nur ein „weil ich nicht anders kann“ nicht reicht und du mich für ein „Schreiben ist wie Atmen. Wenn ich zu lange nicht schreibe fühle es sich an, als würden zu viele Gedanken in meinem Kopf herumgeistern und ich kann keinen vernünftigen Gedanken fassen, wenn ich nicht einige von ihnen frei und auf dem Papier weitertanzen lasse. Tu ich das zu lange nicht, fühlt es sich an, als würde ich ersticken“ für verrückt erklärst. Du darfst nicht, weil ich nicht weiß, woher meine Ideen kommen. Du darfst nicht, weil es Fragen gibt, die ich nicht mehr beantworten möchte. Weil ich nicht mehr erklären möchte, warum ich sowohl bei zu viel Essen, als auch bei Hunger total durchdrehe. Weil ich niemandem mehr erklären möchte, um wen es bei dem Text geht, bei dem ich, wenn ich ihn lese, immer wieder weine, wenn auch nur innerlich und weil ich niemanden mehr mit dem nervigen Augenzwinkern in der Stimme bei den Worten „Und, hattest du Spaß gestern Abend?“ fragen hören will. Ich denke generell lieber an den nächsten Abend und bin dafür, die Morgende abzuschaffen. Am Morgen kommen Fragen auf. Fragen die weh tun und einen mit beiden Beinen auf die Realität kleben. Ich möchte mehr Fragen, die ich einfach nur mit „Ja“ beantworten kann.
„Ist dir kalt?“ – „Ja“
„Willst du meine Jacke?“ – „Ja“
„Willst du was trinken?“ – „Ja“ und „Schläfst du bei mir?“
Aber nur, wenn sie mit Taten und nicht mit Worten gefragt wird. Aber sonst darfst du nichts fragen. Du darfst nicht, weil dich die Antwort nicht interessiert. Weil du nicht hören willst, dass ich eigentlich nur ein Mädchen bin. Ein kleines Mädchen in der großen Welt. Weil deine Fragen zwar nicht „Hey Süße, magst du nicht einsteigen?“ oder „Geile Titten, darf ich die mal anfassen?“ sind, aber genau so ignorant und genau so wenig an der Antwort interessiert. Weil du fragst, um gefragt zu haben. Weil man schließlich über irgendwas reden muss, um so zu tun, als würde man sich einsetzen, einlassen und ich sitz da und kenn die Regeln nicht. Erzähl dir von meinen Tränen, meinen Wünschen, meinen Träumen, meinem Glück. Warum es mich bewegt und warum es mir so viel bedeutet hier zu stehen und zu reden und zu leben. Erklär die was Liebe für mich ist und warum man so häufig die Tiefen seines Herzens vergisst und ich sitz da und hör deinem oberflächlichen Gekotze zu und ich beantworte all deine Fragen mit „Ja“. Ich nehme deine Jacke, ich nehme dein Bier, ich nehme Dich, weil ich nicht verstanden habe, dass all deine Fragen eigentlich nur diese eine war. Weil ich nicht verstanden habe, dass es nicht um mich geht. Nicht um meine Tränen, nicht um meine Wünsche, nicht um meine Träume und nicht um mein Glück. Deshalb frag mich nicht. Du sollst all das nicht wissen, also frag mich nicht. Dann muss ich keinen Teil meiner Träume investieren und du musst keine Antworten hören, die dich nicht interessieren.
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