I got to get anyway
Eigentlich müsste ich auf Stelzen gehen und so Abstand gewinnen von dem, was mich runter zieht. Eigentlich müsste mein Hirn wie ein Sieb funktionieren, stets wissend, was zu vergessen ist, was zu konservieren. Eigentlich müsste ich Boxen integrieren in meinen Hinterkopf, um immer die richtige Hintergrundmusik zu haben. Eigentlich müsste ich zwischen Mund und Kehle ne Stimmgabel klemmen, um immer den richtigen Ton zu treffen. Eigentlich müsste ich mich auf nen Baum hocken und so lange feste pressen, bis aus meinen Schulterblättern Schwingen wringen mit denen ich gen Süden zöge, um mal raus zu kommen. Eigentlich müsste ich mir nen Stock bis zum Anschlag in den Arsch rammen, um aber auch in jeder Situation noch Haltung zu bewahren. Eigentlich müsste ich dann meine Wirbel zerrücken und in die entstandenen Lücken Selbstvertrauen drücken, um immer Zuversicht im Rücken zu haben. Eigentlich müsste ich Augäpfel pflücken und Radarbrillen tragen, um immer den Über- und Durchblick zu haben. Eigentlich müsste ich an Gott, Parteiprogramme, die eine große Liebe und mich selbst glauben. Eigentlich müsste ich euch allen die Zeit rauben, weil mir ständig welche fehlt. Eigentlich müsste ich mir mehr Zeit nehmen für die wichtigen Dinge. Eigentlich ist alles viel zu wichtig, als dass man was davon vernachlässigen könnte. Eigentlich müsste ich, wo bei anderen das Gehirn sitzt, einen Notizblock haben, um auch an wirklich alles zu denken. Eigentlich sollte ich meine Zeit nicht mit dummen Gedanken verschwenden wie „Ein Autositz hat mehr von einem Fahrstuhl, als ein Aufzug“. Eigentlich sollte ich weniger Aufzug fahren und mehr Treppen steigen. Eigentlich sollte ich keine Treppen mehr steigen, sondern Karriereleitern. Eigentlich sollte ich mehr Nebenjobs haben, um mich selbst zu finanzieren. Eigentlich sollte ich meine Finanzierung besser überdenken. Eigentlich sollte ich meine Zeit nicht mit dummen Gedanken verschwenden wie „Tumore sind wie gut erzogene Kinder. Still und wachsen von alleine“. Eigentlich sollten meine Beine in 7-Meilenstiefeln stecken um mehr Weg zurück zu legen, mehr zu schaffen. Eigentlich müsste in meinen Adern purer Tatendran und Speed fließen, weil ich immer immer zu langsam bin. Eigentlich müsste ich aufrüsten bis unters Kinn, weil meine Fersen mir immer auf den Fersen sind. Eigentlich. Eigentlich. Eigentlich. Aber da bin immer nur ich und manchmal reicht das nicht. Weil da bin immer nur ich, bin aber meistens das ist schon zu viel für mich. Weil eigentlich müsste ich mir Superlative spritzen, um in allem besser zu sein. Eigentlich müsste ich mir das Herz eines Blauwaals implantieren lassen, da passen nämlich ganze Menschen rein und dann hätten es meine Freunde auch endlich mal gemütlicher bei mir. Eigentlich müsste ich mir die Mundwinkel hinter die Ohrläppchen tackern, weil Delphine und Mädchen immer lächeln. Eigentlich müsste ich mein Zimmer, nein meine ganze Bude mit dem Duden tapezieren, um immer die richtigen Worte zu finden. Eigentlich müsste ich mir die Augen verbinden und Scheuklappen tragen, um stets unbeirrt voranzutraben. Eigentlich müsste ich stets neben mir stehen, um permanent hinter mir her zu räumen. Eigentlich müsste ich schlafwandeln können, um auch Tagsüber noch zu träumen. Eigentlich müsste ich um mich herum Brotkrumen verteilen, um mehr aus mir heraus zu gehen und doch immer wieder zurück zu finden. Eigentlich müsste sich mein Lebenslauf bereits auf Seite 10 befinden. Eigentlich müsste ich zum Arsch abwischen, die Süddeutsche benutzen, um wirklich mal auf alle Kritiker zu scheißen. Eigentlich müsste man mir alle Lebkuchenherzen des Oktoberfestes schenken, dann hätte ich auch mal ein Herz für Kinder, für Tiere, eins für den Umweltschutz, für afrikanische Hungerbäuche, eins für kürzlich verstorbene Kinderschänder und eins für Britneys Drogenexzesse. Eigentlich sollte ich mir nicht alles so zu Herzen nehmen. Eigentlich sollte ich stets steil nach oben streben. Eigentlich sollte ich mich mal zufrieden geben. Eigentlich sollte ich so viel verstehen, wenn ich groß bin. Aber wieso, Welt, ganz ehrlich, ist mir dann so vieles immer noch unerklärlich? Weil eigentlich müsste ich so viel wissen. Eigentlich müsste ich nen Penis haben, um auch mal würdevoll in die Wildnis zu pissen. Und eigentlich müsste ich mich mit David Copperfield liieren, damit er mich morgens erst mal gepflegt in alle Einzelteile sägt. Dann könnte mein Bauch in der Schule sein, während meine Beine draußen gegen Studiengebühren demonstrieren. Meine Augen würde Sonntagabend Tatort sehen, während meine Arme mit den Mädels einen heben gehen und meine Hüften würden über den Tanzboden schweben, während meine Füße sich artig schlafen legen, weil eigentlich sollte ich sowieso alles in einem sein. Wie eine Sitz-geh-legen-heit eben. Eigentlich müsste ich Mut verflüssigen, Verstand pulverisieren, eine Prise Risikofreudigkeit hinzu geben, das ganze dann zu dicken Pillen komprimieren, was ich dann in Apotheken verkaufe, als Mittel gegen Unentschlossenheit. Entscheidung forte. Eigentlich müsste ich Worte gurgeln, damit sie mir einfach nur so über die Zunge hüpfen. Eigentlich müsste ich Eier legen, aus denen ständig neue Textideen schlüpfen. Eigentlich sollte ich es für erstrebenswert ansehen, so auszusehen, wie Heidi Klumm. Eigentlich sollte es mir egal sein, dass ich nicht aussehe, wie Heidi Klumm. Eigentlich. Eigentlich. Eigentlich. Aber da bin immer nur ich und manchmal reicht das nicht, weil das bin ja nur ich. Aber meistens ist das schon zu viel für mich. Und dann kommst du. Sagst, ich soll mal runterkommen, langsam machen sagst du. Dass ich auch nur ein Mensch bin und Menschen kleine Brötchen backen, sagst du. Und Früchtetee, sagst du, schmeckt auch nur nach nichts, mit ein bisschen Weihnachten.
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