Irgendwo dazwischen




Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag oder Samstagabend , 22:38 Uhr: Brief in die Kiste, Deckel auf die Kiste, Kiste auf den Schrank, genug davon, denn Melancholien muss man sich leisten können und ich bin nur eine arme Schülerin.

22:41 Uhr: Gesagt, getan. Ich überlege, zu welcher Party ich jetzt gehen soll und schmeiße die Flyer, die ich in der Schule in die Hand gedrückt bekommen habe, bevor ich mich dagegen wehren konnte, in eine große Tüte und ziehe einen raus. „Tanz dich grün mit Claudia rot“ steht vorne drauf. Die Rückseite erklärt, dass die Grüne langjährige Managerin wahr und für eine Band sorge, die „Tonscheiben auf Scherben“ hieß. Das Motto hat sie wohl für ihre politische Karriere beibehalten, denke ich und suche nach einem Grund, diese Ziehung für ungültig zu erklären.

22:44 Uhr: Sie ruft an. „Party?“ fragt sie. Na also, wer sagt‘s denn.

23:03 Uhr: Ich treffe mich mit Anja und Katrin in der Stadt, Anja hat eine Flasche Weißwein dabei, wir ziehen los.

23: 21 Uhr: Die Flasche Weißwein ist leer, wir stehen vorm Club und ich halte meinen Ausweis bereit, weil ich sowieso immer als Einzige danach gefragt werde.

23:27 Uhr: Ich werde als Einzige nach meinem Ausweis gefragt.

23:28 Uhr: Meine Jacke landet irgendwo in der Ecke, Anja und Katrin habe ich irgendwo im Gewühle verloren. „Nicht schlimm“ denke ich, laufe los und treffe in den nächsten Minuten circa 48 Leute, die ich kenne. Ist diese Stadt eigentlich wirklich so klein, oder kommt mir das nur immer so vor?

23:33 Uhr: Auf dem Weg zur Bar schaue ich mich nach einem Hauptsponsor für den heutigen Abend um. Als ich drohe im Gedränge vor der Tränke unter zu gehen, rettet mich freundlicher weise ein junger Mann, stellt sich vor und frägt mich, was ich denn gerne zu trinken hätte. Na also, wer sagt’s denn?

23:35 Uhr: Ich habe seinen Namen leider wieder vergessen. Ich glaube es war Stefan oder Michael, oder irgendetwas in dieser Richtung. „Egal“ denke ich und lasse mir von ihm ein Glas in die Hand drücken. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, dass er ganz gut aussieht, keinen Sprachfehler hat und er die Hose so trägt, dass man die Boxershorts nicht sehen kann. Das alles gibt Pluspunkte.

23:48 Uhr: Wir begeben uns auf die Tanzfläche.

23:49 Uhr: Ich mache Stefan oder Michael, oder wie auch immer er jetzt heißt, klar, dass seine Hände auf meinen Brüsten nichts verloren haben.

23:50 Uhr: Ich mache Stefan oder Michael, oder wie auch immer er jetzt heißt, klar, dass Selbiges auch für meinen Hintern gilt.

00:27 Uhr: Wir stehen in irgendeiner Ecke, reden, lachen, tanzen, trinken Gin tonic, der DJ spielt zum gefühlten 50.000. mal in diesem Jahr „tonight is gonna be a good night“, aber es stört mich nicht sonderlich, weil es zum gefühlten 50.000. mal stimmt.

0:27 Uhr bis 05:11 Uhr: Da dies ein autobiographischer Text ist, kann ich auf Grund einer Gedächtnislücke leider nicht ausführen, was in diesem Zeitraum geschehen ist.

05:11 Uhr: Stefan oder Michael, oder wie auch immer er jetzt heißt, frägt, ob ich noch mit zu ihm komme. Ich sage nein. Erfrägt, ob er noch mit zu mir kommen darf. Ich sage nein. Er fragt, ob er meine Nummer haben darf. Ich sage ja, einfach nur, um mal etwas anderes zu sagen und gebe ihm die einzige Nummer, die ich neben ein paar anderen auswendig weiß: 01612739375. Karlsruhe nightline, das „Zuhörertelefon für Schüler“. Mir konnten die nie helfen, aber vielleicht haben sie ja bei Stefan oder Michael, oder wie auch immer er jetzt heißt, mehr Erfolg.

05:14 Uhr: Stefan oder Michael, oder wie auch immer er jetzt heißt, startet einen letzten Versuch und frägt, ob er mich noch mit nach Hause bringen soll. Danke, sage ich, aber ich habe Pfefferspray dabei, das ist viel hilfreicher. Außerdem, dachte ich, frägt es mich sicher nicht vor der Haustüre, ob es noch auf einen Kaffee mit rein kommen darf.

05:15 Uhr: Ich verlasse das Gebäude. Es ist neblig draußen, seltsam still und ein bisschen kalt.

05:36 Uhr: Ich steige in die erste Bahn, die an diesem Morgen fährt, und hoffe, dass ich nicht ganz so fertig aussehe, wie all die anderen Menschen um mich herum. Und dann ist er wieder da. Dieser seltsame, surreale Augenblick, nicht länger als ein Wimpernschlag, in dem ich diese Nacht sofort eintauschen würde, gegen einen Augenblick mit dir, in dem du mich anschaust mit einem Lächeln auf den Lippen, so klein, dass ich es nur erkennen kann, weil dein Kopf ganz nah neben meinem auf dem Kopfkissen liegt. Für diesen winzig kleinen Augenblick bist du aus der Ferne noch ein kleines bisschen schöner, der Himmel scheint ein bisschen weiter weg zu sein, die Minute ein bisschen länger zu dauern. Für diesen kleinen Augenblick geht die Welt ein bisschen unter und mein Herz ist ein kleines bisschen gebrochen. Ja, es stimmt. Manchmal denke ich noch an dich. Manchmal höre ich noch die alten Lieder, schaue mir noch Fotos an, die ich schon längst hätte verbrennen sollen und hole deine Briefe aus einer Kiste auf deren Deckel sich noch nicht allzu viel Staub angesammelt hat, seit ich sie das letzte Mal zugemacht habe. Manchmal tanze ich noch im Regen, damit niemand meine Tränen sieht. Ja, es stimmt. Manchmal denke ich noch an dich und manchmal ist schon besser als dauernd, wenn auch noch nicht selten genug. Irgendwann, vielleicht Morgen, oder in einer Woche, oder in einem Monat, wer weiß das schon, wird mich jemand überraschen. Auf irgendeine Art und Weise, wie du mich überrascht hast. Bis dahin bin ich irgendwo dazwischen. Irgendwo zwischen Tiramisu und fettarmen Joghurt. Zwischen Karl Lagerfeld und Kikk. Zwischen Spiegel und Wendy. Zwischen Real Madrid und dem Vfl Bochum. Zwischen Metallica und dem Musikantenstadel. Zwischen Gourmet Küche und Pommes rot-weiß. Zwischen Radio Vatikan und dem Playboy. Zwischen Megan Fox und Tine Wittler. Zwischen Chuck Norris und den Teletubbies. Irgendwann, vielleicht Morgen, vielleicht in einer Woche oder einem Monat, wer weiß das schon, wird mich jemand fragen, ob er mich nach Hause bringen soll und damit nicht meint „lass uns zu dir gehen, bei mir ist es gerade so unordentlich“, sondern „Ich will sicher gehen, dass du gut daheim ankommst und es ist mir egal, dass ich danach nochmal durch die halbe Stadt muss, außer du lässt mich vielleicht auf deinem Sofa schlafen, ich würde morgen früh auch Tee kochen“. Und bis dahin, bin ich irgendwo dazwischen. Irgendwo, zwischen dir und hier.

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